2024 seid ihr mit dem BNE-Zertifikat ausgezeichnet worden. Wie war euer Weg in die BNE und welche Rolle spielt BNE heute in den verschiedenen Bildungsbereichen?
Das ABW setzt sich seit vielen Jahren mit Themen der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) auseinander. In verschiedenen Maßnahmen und Projekten der beruflichen Bildung, der sozialen Integration und in der Jugendhilfe war BNE dabei zunächst vor allem als begleitendes Querschnitts-thema präsent. Seit 2018 wurden gezielt Projekte entwickelt, deren Hauptfokus ausdrücklich auf BNE lag. Diese Erfahrungen haben dazu beigetragen, das Thema bewusster wahrzunehmen und schrittweise weiterzuentwickeln. Mit der Auszeichnung durch das BNE-Zertifikat im Jahr 2024 wurde dieser Entwicklungsprozess gewürdigt. Heute gewinnt BNE in den verschiedenen Bildungsbereichen des ABW zunehmend an größerer Bedeutung - Nachhaltigkeitsaspekte werden explizit aufgegriffen und in bestehende pädagogische Angebote integriert.
Wie werden die Angebote im ländlichen Raum genutzt und welche spezifischen Herausforderungen gibt es?
Die Angebote des ABW werden im ländlichen Raum grundsätzlich gut angenommen - insbesondere dort, wo sie passgenau auf die Bedarfe der Teilnehmenden zugeschnitten sind. Gleichzeitig zeigen sich spezifische Herausforderungen, vor allem durch größere Entfernungen, eingeschränkte Mobilität und eine teilweise geringere Angebotsdichte. Diese Rahmenbedingungen erschweren sowohl die regelmäßige Teilnahme als auch die Ansprache bestimmter Zielgruppen. Dem begegnet das ABW unter anderem durch wohnortnahe Angebote, flexible Kursformate sowie eine enge Zusammenarbeit mit regionalen Akteur*innen und Netzwerken. Ergänzend werden digitale und hybride Lernformate genutzt, um Zugänge zu erleichtern und Reichweite zu erhöhen.
Das Projekt „Freiraum“ spricht sowohl Kinder und Jugendliche an, die im Repaircafe ihr Wissen weitergeben als auch die breite Bevölkerung als Besucher*innen des Cafes. Wie wird mit den ggf. unterschiedlichen Perspektiven der verschiedenen Generationen auf Ressourcennutzung und Konsumverhalten umgegangen?
Im Projekt Freiraum werden die unterschiedlichen Perspektiven der Generationen bewusst als Stärke verstanden und aktiv aufgegriffen. Kinder und Jugendliche bringen oft einen selbstverständlichen Zugang zu Nachhaltigkeit, Reparatur und bewusstem Konsum mit und geben ihr Wissen im Repaircafé selbstbewusst weiter. Ältere Besucher*innen verfügen dagegen über langjährige Alltags- und Lebenserfahrungen, insbesondere im sparsamen Umgang mit Ressourcen. Diese unterschiedlichen Sichtweisen treffen im Projekt auf Augenhöhe aufeinander. Durch gemeinsames Reparieren, Erklären und Austauschen entstehen Dialoge, in denen voneinander gelernt wird, statt Perspektiven zu bewerten. Pädagogisch begleitet wird dieser Prozess durch eine wertschätzende Moderation, die Offenheit und gegenseitigen Respekt fördert. So wird generationsübergreifend ein gemeinsames Verständnis für Ressourcennutzung und Konsumverhalten entwickelt und weitergedacht.
Wie lassen sich diese wertvollen Erkenntnisse in der BNE nutzen?
Generationenlernen bietet für die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) besondere Vorzüge, da unterschiedliche Lebensrealitäten, Erfahrungen und Werte zusammenkommen. Jüngere Teilnehmende profitieren vor allem vom praktischen Erfahrungswissen älterer Generationen, etwa im Reparieren, Wiederverwenden und sparsamen Umgang mit Ressourcen. Ältere wiederum gewinnen neue Impulse durch die Perspektiven junger Menschen, die Nachhaltigkeit häufig stärker mit Zukunftsfragen, Klimaschutz und bewusstem Konsum verknüpfen. Dieser gegenseitige Austausch fördert Verständnis, Offenheit und Reflexion eigener Gewohnheiten. Besonders wertvoll ist dabei das Lernen auf Augenhöhe, das Hierarchien abbaut und Dialog ermöglicht. Für die BNE entsteht so ein lebendiger Lernraum, in dem nachhaltiges Handeln nicht nur vermittelt, sondern gemeinsam erlebt und weiterentwickelt wird.
Wie kommt dieses lebensnahe Angebot bei den Besucher*innen an? Gibt es Nachahmer-Projekte in der Region oder andere Effekte?
Das Angebot wird von den Besucher*innen sehr positiv angenommen. Besonders geschätzt werden die offene Atmosphäre, die praktischen Lernmöglichkeiten und der direkte Nutzen durch das gemeinsame Reparieren. Regelmäßig kommen neue Menschen hinzu, die eigene Gegenstände mitbringen, Reparaturen erlernen möchten oder das Projekt aktiv unterstützen wollen. Dadurch wächst das Netzwerk kontinuierlich und das Angebot bleibt lebendig. Gleichzeitig zeigt sich eine zunehmende Vernetzung in der Region: In enger Zusammenarbeit mit Akteur*innen wie Jugend trifft Technik e.V., der vergleichbare Angebote in Schwedt umsetzt, entstehen Austausch, gegenseitige Inspiration und Synergien. Diese Vernetzung trägt dazu bei, das Thema nachhaltige Ressourcennutzung regional stärker zu verankern und über das einzelne Projekt hinaus Wirkung zu entfalten.
Welche Erkenntnisse konntet ihr aus dem Prozess der Zertifizierung mitnehmen?
Aus dem Prozess der BNE-Zertifizierung konnten wir wichtige Learnings für unsere weitere Arbeit gewinnen. Ein zentraler Punkt war die intensive Reflexion der eigenen Methoden und Angebote, die geholfen hat, bestehende Ansätze kritisch zu hinterfragen und gezielt weiterzuentwickeln. Darüber hinaus hat die Zertifizierung die Netzwerkarbeit gestärkt und neue Impulse für Kooperationen mit regionalen und thematischen Partner*innen gegeben. Nicht zuletzt war der Prozess Anlass, unser Bildungsleitbild für außerschulische Angebote weiterzuentwickeln und BNE darin klarer zu verankern. Insgesamt hat die Zertifizierung weniger einen Abschluss markiert als vielmehr einen wichtigen Entwicklungsschritt angestoßen.
Habt ihr Tipps für Akteur*innen die im Bereich BNE noch ganz am Anfang stehen?
Akteur*innen, die noch am Anfang stehen, möchten wir vor allem ermutigen, einfach zu starten und BNE nicht als großes oder fertiges Konzept zu verstehen. Hilfreich ist es, an bestehende Angebote anzuknüpfen und Nachhaltigkeit zunächst als ergänzendes Thema mitzudenken. Kleine, praxisnahe Formate wie gemeinsames Reparieren, Ausprobieren oder Diskutieren schaffen oft einen niedrigschwelligen Einstieg. Wichtig ist außerdem, offen für Reflexion zu bleiben und Angebote schrittweise weiterzuentwickeln. Sehr wertvoll ist auch die Vernetzung mit anderen Akteur*innen, da Kooperationen Erfahrungsaustausch ermöglichen, entlasten und neue Perspektiven eröffnen. Nicht zuletzt gilt, dass Lernen im Bereich BNE ein gemeinsamer Prozess ist, für Teilnehmende ebenso wie für die Bildungsakteur*innen selbst.
Vielen Dank für das Interview!
Kontakt: grieserabw-angde
Website: https://www.abw-angermuende.de und https://freiraum.one/start.html
Instagram: www.instagram.com/abw_angermuende/
Fotos: Angermünder Bildungswerk e.V. / Dirk Messer


