Spotlight BNE-Zertifizierung: Katalin Németh

Mit der BNE-Zertifizierung wollen wir in Brandenburg gemeinsam einen Weg hin zur mehr Qualität in der Bildung für nachhaltige Entwicklung gehen. Katalin Németh aus der Lausitz führt als selbstständige Pädagogin vielfältige BNE-Angebote zu Wildkräutern, Naturkosmetik und nachhaltiger Mode durch. Dabei steht das praktische Selbermachen stets im Fokus ihrer Workshops. Wir haben mit Katalin Németh über ihre Arbeit und die Zertifizierung gesprochen.

„Dass es nicht alles zu kaufen gab, habe ich nie als Mangel erlebt. Im Gegenteil es forderte mich heraus.“ – ein Satz, mit dem du auf deiner Website deine Kindheit in der DDR der 1980er Jahre beschreibst. Wie haben diese Erfahrungen dein Verständnis von Nachhaltigkeit geprägt?

Wenn ich das Bedürfnis nach etwas „Neuem“ habe -zum Beispiel einem Kleidungsstück- dann schaue ich, ob ich es gebraucht bekomme (Second-Hand oder online) oder ob ich es aus einem bereits vorhandenen Kleidungsstück, das ich nicht mehr trage oder das aussortiert wurde, up-cyceln kann. Ich überlege auch vorher, ob es den Bedarf tatsächlich gibt oder ob es „nur“ ein Impuls ist. Alltagsgegenstände funktioniere ich auch mal um. Da wird schon mal die alte Teekanne fix zur Blumengießkanne usw. Ich schaue also erst einmal, was aus und mit den bereits vorhandenen Sachen geht.

Wie ging es nach diesen ersten Prägungen in der Kindheit weiter, wie war dein beruflicher Weg zur BNE?

Ich habe schon als Kind viel gezeichnet, Klamotten und Accessoires entworfen und genäht – erst für meine Puppen und dann als Teenager für mich und Freundinnen. Kreativ zu werden war eben eine Notwendigkeit, aber auch ein großer Spaß für mich. Mein Berufswunsch war dann auch recht früh klar – ich wollte etwas mit Mode machen. Nach der Wende waren die materiellen Möglichkeiten erst einmal so, als hätte sich ein Schlaraffenland eröffnet. Es gab so viele tolle Möglichkeiten, aber auch ein krasses Überangebot. Ich habe eine Berufsausbildung in einem Textilkombinat absolviert, danach die Fachoberschule besucht und meine Fachhochschulreife erlangt. So war der Weg zum Modestudium in Berlin frei. Bereits in den ersten Berufsjahren als Designerin kehrte sich das Bild vom Traumjob aber komplett um: Kollektionen im schnellen Rhythmus liefern, von anderen Labeln abschauen und dann die Besuche in den Produktionsstätten, da habe ich schon einiges an Unschönem gesehen und dabei wurde noch nicht einmal in den südostasiatischen Ländern produziert, wo es heutzutage noch schlimmer zugeht. Materielle Übersättigung einerseits und die beruflichen Erfahrungen andererseits haben zu einem krassen Unwohlsein geführt und zu der Entscheidung, da nicht mehr mitmachen zu wollen. Dann kam die Suche nach Alternativen. Ich habe viel recherchiert und nach Lösungen gesucht und mich umgeschaut, wie andere mit dem gleichen Unwohlsein umgehen. Zu dieser Zeit lebte ich noch in Berlin und es machten sich einige Leute auf den Weg, nachhaltiger zu werden. Da habe ich mir Inspirationen geholt – mit Gleichgesinnten ist vieles einfacher!

Wie hast du es geschafft, dich mit deinen pädagogischen Angeboten selbstständig zu machen?

Das war tatsächlich eher ein Zufall. Ich bin mit meinen Angeboten von klassischen Nähkursen auf die aufkommende DIY-Welle „aufgesprungen“. Viele junge Frauen wollten zu dieser Zeit nähen lernen, da sie es von ihren Müttern oder Großmüttern nicht mehr gelernt haben. Privat hatte ich da schon meine Klamotten größtenteils upgecycelt und natürlich auch in Kursen getragen. Das stieß bei Teilnehmerinnen der Nähkurse direkt auf Interesse. Außerdem machte sich zu diesem Zeitpunkt auch eine Freundin - ebenfalls aus der Modebranche kommend - selbständig und wir haben zusammen Angebote zum Thema BNE entwickelt und diese dann auch Schulen angeboten. Wir haben sehr ähnliche Erfahrungen in unseren Modeberufsjahren mit den Produktionsbedingungen der Branche gemacht und unabhängig voneinander entschieden, dass wir das nicht mehr mittragen wollen.

2023 bist Du für dein Angebot „Die Modebotschafter*innen - Woher kommt unsere Kleidung und wie wird sie hergestellt?“ mit dem BNE-Zertifikat ausgezeichnet worden. Was hat dich dazu bewogen, in diesen Prozess zu gehen und welche Erfahrungen hast du gemacht?

Wie schon erwähnt speist sich mein Angebot aus meinen beruflichen Erfahrungen und der Entscheidung, die größtenteils unmenschlichen Produktionsbedingungen, unter denen die Bekleidung entsteht - die ich ja auch teilweise mit entworfen habe - nicht mehr mitzutragen. Meinen Weg zum Besseren beizutragen sah und sehe ich immer noch darin, darüber aufzuklären, von meinen Erfahrungen zu berichten und, was mir sehr wichtig ist, auch praktische Alternativen aufzuzeigen. Die reine Information über schlimme Bedingungen an einem fernen Ort - was für viele sehr abstrakt ist - wirkt manchmal auch überfordernd oder kann unter Umständen zu mentaler Lähmung oder dem Gefühl von Ausweglosigkeit führen. Deswegen verbinde ich meine Angebote mit praktischen Workshops. Da entsteht etwas und es macht (hoffentlich) den meisten Spaß. Die Zertifizierung sehe ich als Qualitätssiegel und wichtige Bestätigung, dass ich mit meinem Angebot das bewirken kann, was ich mir vorstelle bzw. möchte. Die Betreuung durch die Mitarbeiterinnen der Servicestelle BNE war mir da eine große Hilfe.

Du sprichst mit dem Angebot vor allem Jugendliche an. Welche Erfahrungen hast du mit der Zielgruppe gemacht?

Jugendliche sind noch sehr offen für das Thema „Nachhaltigkeit“. Viele haben schon begriffen, dass es ja um ihre eigene Zukunft geht. Allerdings ist das Thema Bekleidung auch sehr persönlich und in diesem Alter vorrangig identitätsstiftend. Mit der Moralkeule oder missionarischen Ambitionen bewirkt man in dieser Altersklasse gar nichts. Mit der Kombination aus Information, Spaß und Sinnhaftigkeit bin ich bisher sehr gut angekommen.

Wie wird es in Zukunft bei dir weitergehen?

BNE oder auch zukunftsorientierte Lösungen für derzeitige Herausforderungen zu finden und/oder zu vermitteln, wird denke ich auch weiterhin eine große Rolle für mich spielen. Ich bin da ja sowohl Lernende als auch „Lehrende“. Momentan bin ich in der Weiterbildung zur zertifizierten Fachberaterin für Selbstversorgung mit essbaren Wildpflanzen – ein spannendes Thema! Das wird auf jeden Fall auch in neue Angebote einfließen.

Hast du Tipps für Akteur*innen, die sich ebenfalls im Bereich BNE selbständig machen wollen?

Was mir geholfen hat, war Offenheit für Trends: Was bewegt die Leute, wo passiert aber auch schon etwas und darf verstärkt und /oder niedrigschwellig und breitenwirksam in Workshop-Formaten weitergetragen werden? Außerdem hilft natürlich Kontakt und Austausch mit Menschen, die ähnlich unterwegs sind. Der Aufbau eines Netzwerkes und die Zusammenarbeit mit Kooperations-partner*innen sind ebenfalls hilfreich. Für die Entwicklung, Klärung und ggf. Überprüfung der konkreten Angebote ist evtl. eine Weiterbildung zum Thema BNE ratsam. Eine Zertifizierung der Angebote ist dann das offizielle Qualitätssiegel.

Vielen Dank für das Interview!


Kontakt: infokatalin-nemethde
Website: https://katalin-nemeth.de/
Katalin Németh auf Instagram.

Fotos: Kathleen Barthel, Kathleen Springer